SSB-Fahrplan auf dem iPhone-Handy

Die SSB hat ein kos­ten­lo­ses Pro­gramm zu beque­men Fahr­plan­ab­frage mit dem App­le­handy veröffentlicht

Nut­zungs­hemm­nisse abbauen steht bei den Mar­ke­ting­leu­ten der SSB ganz oben auf der Agenda. Mit einer Gra­tis­an­wen­dung für das iPhone des Her­stel­lers Apple sol­len die Kun­den bes­se­ren Zugang zu den Fahr­plä­nen erhal­ten. Neben Ber­lin gibt es das bun­des­weit nur für Stuttgart.

Von Dirk Baranek

Es war ein Schlüs­sel­er­leb­nis, das Mar­tell Beck, dem Mar­ke­ting­chef der SSB, zu den­ken gab. Freunde hatte ihm erzählt, wie umständ­lich es sei, den abend­li­chen Knei­pen­be­such mit den Ange­bo­ten sei­nes Unter­neh­mens abzu­schlie­ßen. Schwer erreich­bare Infos führ­ten schließ­lich dazu, dass die sich ein Taxi nah­men. „Da wurde mal wie­der das all­ge­meine Bauch­ge­fühl bestä­tigt, dass wir zu umständ­lich sind,“ sagt Beck. Die­ses zumeist ja unver­diente Vor­ur­teil sei aber das am wei­tes­ten ver­brei­tete. „Damit haben wir am meis­ten zu kämp­fen.“ Des­halb sei man intern immer auf der Suche nach Mög­lich­kei­ten, Nut­zungs­hemm­nisse abzubauen.

Durch einen Medi­en­be­richt stieß Beck auf die kleine Firma Metaquark aus Ber­lin. Die hat­ten im Herbst 2008 Furore gemacht durch die Pro­gram­mie­rung einer Anwen­dung für das modi­sche All­zweck­handy iPhone der Firma Apple. Kern­funk­tion des klei­nen kos­ten­lo­sen Pro­gramms ist die Dar­stel­lung von Fahr­plan­da­ten des ÖPNV. Dabei nutzt das Pro­gramm geschickt die spe­zi­el­len Mög­lich­kei­ten des iPhone. Zum einen ver­fügt das über eine GPS-Lokalisierung. Das heißt das Gerät weiß also immer, wo man sich grade befin­det. Zum ande­ren kann man mit dem Smart­phone, wie diese Geräte hei­ßen, die wesent­lich mehr kön­nen als nur zu tele­fo­nie­ren, seine Adres­sen ver­wal­ten. Das bedeu­tet: Man sitzt irgendwo und möchte von dort mit der SSB zu einem Bekann­ten, des­sen Adresse man gespei­chert hat. Mit zwei-drei Klicks hat man gra­fisch sehr durch­dachte Vor­schläge auf dem Handy. Die nächst­ge­le­gene Hal­te­stelle, die Abfahrt­zei­ten und Umstei­ge­sta­tio­nen bis zum gewähl­ten Ziel — alles sofort und über­sicht­lich prä­sen­tiert. Man kann auch zuletzt genutzte Hal­te­stel­len spei­chern und so zu sei­nem per­sön­li­chen Fahr­plan kom­men. jeder­zeit und überall.

Der Ent­wick­ler und ange­hende IT-Ingenieur Jonas Witt hatte das Pro­gramm zunächst für die Ber­li­ner Ver­kehrs­be­triebe ent­wi­ckelt, aber die fan­den das nicht so gut und ent­zo­gen ihm die Rechte an den Fahr­plan­da­ten. Inzwi­schen hat er zwar das offi­zi­elle Pla­cet der Ber­li­ner, aber die Stutt­gar­ter sind die ers­ten, die auf ihn zuge­kom­men sind, um das Pro­gramm für ihr Netz umzu­set­zen — inner­halb von nur zwei Mona­ten. „Die von der SSB sind über­haupt nicht so behör­den­mä­ßig,“ meint Witt und ist des Lobes voll über die unkon­ven­tio­nelle Zusam­men­ar­beit. Letzt­lich hat die Sache einen nied­ri­gen fünf­stel­li­gen Betrag gekos­tet, um den etwa 30.000 iPhone-Nutzern in der Region, so die Schät­zung der SSB, die­sen kos­ten­lo­sen Ser­vice zu ermög­li­chen. „Das ist ein Test und wenn das erfolg­reich ist, wer­den wir das auch für andere Han­dy­mo­delle ent­wi­ckeln,“ so Beck. Auf die Mög­lich­keit, mit dem Handy dann auch noch die Fahr­karte zu kau­fen, wird man aber wei­ter war­ten müs­sen. Das sei ein „Rie­sen­ding“ und nicht so ein­fach zu realisieren.

(Arti­kel für die Stutt­gar­ter Zei­tung / Lokalteil)

SSB-Fahrplan auf dem iPhone-Handy

Auf der Suche nach der richtigen Dosis

Wis­sen­schaft­ler und Natur­schüt­zer suchen Wege zu einer nach­hal­ti­gen Verkehrspolitik

Die Umwelt­pro­bleme, die mit der mas­sen­haf­ten Mobi­li­tät ein­her­ge­hen, sind bekannt. Diese kön­nen nur durch eine nach­hal­tige, die begrenz­ten Res­sour­cen scho­nende Ver­kehrs­po­li­tik ver­mie­den wer­den. Wie das gesche­hen kann, dar­über haben Exper­ten auf einem Zukunfts­tag des Lan­des­na­tur­schutz­ver­ban­des diskutiert. 

Luft­ver­schmut­zung, Lärm­be­las­tung, Flä­chen­ver­brauch und kli­ma­schä­di­gende Emis­sio­nen sind nur einige Pro­bleme, die sich aus dem hohen Grad der Mobi­li­tät erge­ben, den die ent­wi­ckel­ten Indus­trie­ge­sell­schaf­ten erreicht haben. Was getan wer­den muss, um der sich zuspit­zen­den Lage Herr zu wer­den, und wie eine nach­hal­tige Mobi­li­tät erreicht wer­den kann, dazu wollte der 9. Zukunfts­tag des Lan­des­na­tur­schutz­ver­ban­des, der am Sams­tag im Haus der Archi­tek­ten statt­fand, einen Bei­trag leis­ten. Ein­schlä­gige Wis­sen­schaft­ler und Exper­ten skiz­zier­ten in Vor­trä­gen ihre The­sen und dis­ku­tier­ten ver­schie­dene Lösungs­an­sätze. In diese nach eige­ner Aus­sage „Höhle des Löwen“ hatte sich auch Johan­nes Schmalzl gewagt, Regie­rungs­prä­si­dent des Regie­rungs­be­zirks Stutt­gart, und somit von Amts wegen ver­ant­wort­lich für viele umstrit­tene Stra­ßen– und Ver­kehrs­pro­jekte in der Region. Auch für Schmalzl stand die Not­wen­dig­keit außer Frage, die Mobi­li­täts­po­li­tik an den Kri­te­rien der Nach­hal­tig­keit aus­zu­rich­ten. Pro­bleme sieht er aller­dings in dem Weg, wie man dahin kom­men kann. Als Bei­spiel aus sei­nem Arbeits­all­tag führte er eine Gemeinde im Land­kreis Böb­lin­gen an, die sich eine Umge­hung­s­trasse wünscht, um für die Bewoh­ner die Ver­kehrs­be­las­tun­gen zu ver­rin­gern. Dafür soll im Gegen­zug eine dann über­flüs­sige Straße zurück­ge­baut wer­den. Die Pro­teste seien enorm, berich­tet Schmalzl. „Die Men­schen geben kei­nen Qua­drat­me­ter Straße mehr her,“ sagte er. Man müsse daher die Bür­ger mit­neh­men, sonst laufe man Gefahr, dass diese sich dem poli­ti­schen Extre­mis­mus zuwenden. 

Über Lösungs­wege waren sich denn die Exper­ten auch nur in einem Punkt einig: Es muss an der Kos­ten­schraube für Mobi­li­tät gedreht wer­den, sonst wird sich das zer­stö­re­ri­sche Ver­hal­ten nicht ändern. So sei zum Bei­spiel der Güter­fern­ver­kehr bis zu 90 Pro­zent sub­ven­tio­niert, was nur weni­gen Groß­un­ter­neh­men Wett­be­werbs­vor­teile ver­schaffe. Eine Kos­ten­wahr­heit müsse daher auf allen Ebe­nen her, so die Mehr­heit der Teil­neh­mer. Streit­punkt war dabei aller­dings, ob die­ses auch für den Öffent­li­chen Nah­ver­kehr gel­ten soll. „Der ÖVPN ist nicht so grün, wie er tut,“ sagte Mar­kus Fried­rich, Ver­kehrs­wis­sen­schaft­ler an der Uni­ver­si­tät Stutt­gart. Auch Busse und Bah­nen ver­brauch­ten erheb­li­che Men­gen an Ener­gie. Des­halb emp­fahl Fried­rich hier auf tech­ni­sche Lösun­gen zu set­zen und weni­ger auf eine wenn auch wün­schens­werte Ände­rung des Ver­hal­tens der Menschen. 

Die ist den­noch drin­gend gebo­ten, denn die Pro­gno­sen sagen über­ein­stim­mend eine gewal­tige Zunahme des LKW– wie des PKW-Verkehrs vor­aus. Ange­sichts die­ser Hor­ror­sze­na­rien warn­ten meh­rere Teil­neh­mer vor­sorg­lich vor der Arro­ganz der Nach­hal­tig­keits­stra­te­gen. Eine Öko­dik­ta­tur, die den Men­schen ohne demo­kra­ti­sche Legi­ti­ma­tion vor­schreibe, wie sie sich zum Wohle aller zu ver­hal­ten hät­ten, sei keine Option. Auch auf einen Bewusst­seins­wan­del zu set­zen, wenn man die Bür­ger direkt mit den Pro­ble­men kon­fron­tiere, sei nicht gang­bar. „Es kann nicht sein, dass wir uns über jeden Stau freuen, weil die Men­schen dann angeb­lich bemer­ken, wie bescheu­ert sie sich ver­hal­ten,“ sagte der Regie­rungs­prä­si­dent. Dass es zu schmerz­haf­ten Ver­än­de­run­gen im Mobi­li­täts­ver­hal­ten kom­men muss, stand für Mar­tin Schrein von der Forst­li­chen Ver­suchs– und Forst­an­stalt Baden Würt­tem­berg außer Frage. Eine Zäsur in der Ver­kehrs­po­li­tik sei drin­gend not­wen­dig und irgend­wann müsse ent­schie­den wer­den, wer wel­che Nach­teile in Kauf zu neh­men habe. Es komme dabei auf die rich­tige Dosis an, die ver­ab­reicht wird, um eine nach­hal­tige Mobi­li­tät zu schaf­fen. Diese Dosis bestehe aus vie­len klei­nen Maß­nah­men, wie zum Bei­spiel einem umfas­sen­den Maut­sys­tem und einer Ände­rung der Woh­nungs­po­li­tik, die die Fami­lien nicht mehr in die zer­sie­delte Peri­phe­rie drängt und noch mehr Ver­kehr erzeugt. Eines stellte Rei­ner Ehret vom Lan­des­na­tur­schutz­ver­bund aber klar: „Wir brau­chen keine neuen Stra­ßen son­dern neue Wege, um die Ver­kehrs­pro­bleme der Zukunft zu lösen.“ Dem zuzu­stim­men, fiel auch Schmalzl nicht schwer, aller­dings sind seine Erfah­run­gen mit kon­kre­ten Pro­jek­ten in der Region eher durch­wach­sen. Wenn er unter­wegs sei, sehe er in vie­len Gemein­den große Schil­der, auf denen zu lesen sei, dass man drin­gend eine Umge­hungs­straße brau­che. Sich dann auf einer Bür­ger­ver­samm­lung hin­zu­stel­len und zu sagen „Nein, die kriegt ihr nicht!“, da wün­sche er jedem viel Glück.

[Arti­kel für den Lokal­teil der Stutt­gar­ter Zeitung]

Auf der Suche nach der richtigen Dosis

Neues Stadtteilzentrum soll Standort Killesberg stärken

Auf der alten Messe ent­ste­hen über 5.000 Qua­drat­me­ter Laden­flä­che neu. Bis­her fließt Kauf­kraft ab.

Der Ein­zel­han­del im Stutt­gar­ter Nor­den befin­det sich im Umbruch. Bis­her wei­chen die Bewoh­ner wegen des aus­ge­dünn­ten Ange­bots in andere Bezirke und die City aus. Durch den Neu­bau des Forum Kil­les­berg soll die Kauf­kraft im Bezirk gehal­ten werden.

Das an Stelle der alten Messe geplante Stadt­teil­zen­trum Forum Kil­les­berg ent­spricht den Bedürf­nis­sen der Anwoh­ner und wird die beste­hen­den Ein­kaufs­stand­orte nicht beein­träch­ti­gen. Zu die­ser Ein­schät­zung kam am gest­ri­gen Abend der städ­ti­sche Wirt­schafts­för­de­rer Klaus Vogt, der die Pla­nun­gen der Stadt auf einem Infor­ma­ti­ons­abend der CDU Nord vor­stellte. Dass es wei­te­rer Ein­kaufs­mög­lich­kei­ten im Nor­den bedarf, ist auch die feste Über­zeu­gung von Donate Kluxen-Pyta, Vor­sit­zende der Bezirks-CDU.

Seit Jah­ren hat sich das Ange­bot an kun­den­na­hen Dienst­leis­tun­gen aber auch an Geschäf­ten mit Lebens­mit­teln und Waren des täg­li­chen Bedarfs immer wei­ter aus­ge­dünnt. Diese Beob­ach­tung wurde durch die Zah­len gestützt, die sich aus den Ergeb­nis­sen einer Unter­su­chung erge­ben, die stadt­weit die Han­dels­struk­tur quan­ti­fi­ziert hatte. Für den Nor­den bedeu­tet das, dass für die 20.000 Bewoh­ner des Ein­zugs­ge­biets rund um den Kil­les­berg etwa 3.500 Qua­drat­me­ter Ver­kaufs­flä­che bereit­ste­hen, unter ande­rem in den zwei klei­nen Stadt­teil­zen­tren in der Helf­fe­rich­straße und im obe­ren Teil der Bir­ken­wald­straße. Die Stand­ort­ana­lyse habe ein­deu­tig belegt, dass es in der Ver­sor­gung erheb­li­che Lücken gibt. Die Folge: Viele Anwoh­ner machen ihre Ein­käufe außer­halb des Stadt­teils. „Das Nach­fra­ge­po­ten­zial ist da, wird momen­tan aber nicht genutzt,“ sagte Lang. So wür­den Ange­bote in den Berei­chen Beklei­dung, Foto oder Sport ein­fach nicht existieren.

Diese Lücken soll das Forum Kil­les­berg schlie­ßen. Dort wer­den nach den bis­he­ri­gen Pla­nun­gen ins­ge­samt 5.700 Qua­drat­me­ter Laden­flä­che neu ent­ste­hen. Neben einem Voll­sor­ti­men­ter mit einem brei­ten Waren­an­ge­bot sol­len klei­nere Fach­han­dels­ge­schäfte den Bedarf decken. Die Geschäfts­leute an den exis­tie­ren­den Stand­or­ten sehen diese Ent­wick­lung mit gemisch­ten Gefüh­len. Zwar ist der Stutt­gar­ter Nor­den weit davon ent­fernt, als sozia­ler Brenn­punkt zu gel­ten, bei dem jede Geschäfts­schlie­ßung als Vor­bote einer schlei­chen­den Ver­elen­dung gedeu­tet wird. Leer­stand von Läden ist am Kil­les­berg unbe­kannt. Trotz­dem will man vor­beu­gen. Die Helf­fe­rich­straße wird schon in Kürze durch die Schaf­fung von Park­plät­zen auf dem Mit­tel­strei­fen und wei­te­rer Maß­nah­men auf­ge­wer­tet. Vor der Brenz­kir­che soll eine plat­zähn­li­che Situa­tion ent­ste­hen, die dann die Bir­ken­wald­straße direkt mit dem Forum Kil­le­berg ver­bin­den soll. Lang ver­wies auf die posi­ti­ven Erfah­run­gen, die man zum Bei­spiel am Cann­stat­ter Car­ree gemacht habe. Dort waren die Besorg­nisse der angren­zende Geschäfte zu Beginn groß, aber nach drei Jah­ren könne man fest­stel­len, dass sich die Kun­den­fre­quenz auch in den anlie­gen­den Stra­ßen merk­lich erhöht habe. Leer­stand gibt es dort jetzt kei­nen mehr. Außer­dem wer­den durch die am Kil­les­berg geplante Wohn­be­bau­ung auch 1.000 neue Ein­woh­ner für eine Erhö­hung der Nach­frage sorgen.

Für die Geschäfts­leute im Bezirk bie­ten sich sogar neue Chan­cen, denn die Stadt will dafür sor­gen, dass diese im Stadt­teil­zen­trum eine exklu­sive Zugriffs­mög­lich­keit auf die neuen Läden erhal­ten, um ihre Geschäfts­tä­tig­keit even­tu­ell aus­zu­deh­nen. Da sei man in guten Gesprä­chen mit dem Betrei­ber. „Der wird auf Sie zukom­men,“ kün­digte Lang an. Der eben­falls anwe­sende Stadt­teil­ma­na­ger Tors­ten von Appelt gab den Geschäfts­leu­ten denn auch den Rat, sich bes­ser zu orga­ni­sie­ren. „Die Stadt braucht starke insti­tu­tio­nelle Ansprech­part­ner, um über Defi­zite zu reden,“ sagte er. Der Wille, mit ver­ein­zel­ten städ­te­bau­li­chen Maß­nah­men die alten Stand­orte zu stär­ken, ist auf jeden Fall vor­han­den. Ob das neue Forum aller­dings die von der CDU-Vorsitzenden Kluxen-Pyta gewünschte Kom­mu­ni­ka­tion der Bewoh­ner unter­ein­an­der ver­bes­sern kann, muss die Zukunft zei­gen, wenn die Kil­les­ber­ger den offen gestal­te­ten Stahl-und-Glas-Bau mit Leben erfüllen.

[Arti­kel für den Lokal­teil der Stutt­gar­ter Zeitung]

Neues Stadtteilzentrum soll Standort Killesberg stärken

Dem Denkmal werden die Flügel gestutzt

Bonatz-Experte kri­ti­siert den Tei­l­a­brisss des Haupt­bahn­hofs im Zuge von Stuttgart21

Im Zen­trum der Ver­än­de­run­gen, die im Rah­men von Stutt­gart 21 umge­setzt wer­den sol­len, steht der Haupt­bahn­hof. Mat­thias Rosen, Denk­mal­schüt­zer und Bonatz-Experte, kri­ti­sierte bei einer Ver­an­stal­tung in der Uni­ver­si­tät die Umbau­pläne des Bonatz-Baus scharf.

Bei einer Ver­an­stal­tung im Kunst­his­to­ri­schen Insti­tut der Uni­ver­si­tät Stutt­gart hat am Don­ners­tag Abend der Denk­mal­pfle­ger Mat­thias Rosen die im Rah­men von Stutt­gart 21 geplan­ten bau­li­chen Ver­än­de­run­gen des Haupt­bahn­hofs scharf kri­ti­siert. Der Abriss des Nord– und Süd­flü­gels, nach sei­ner Mei­nung inte­grale Bestand­teile des von Paul Bonatz ent­wor­fe­nen Gebäu­des, werde den ver­blei­ben­den Rest nur noch als Torso zurück­las­sen. Rosen, der in Stutt­gart ein Pla­nungs­büro für Denk­mal­pflege betreibt, ist aus­ge­wie­se­ner Bonatz-Experte. Sowohl seine Diplom­ar­beit und als auch eine Pro­mo­tion beschäf­ti­gen sich mit den Arbei­ten des Stutt­gar­ter Archi­tek­ten, der 1911 den Pla­nungs­wett­be­werb für den Haupt­bahn­hof mit einem vom Neuen Bauen gepräg­ten Ent­wurf gewann. Nach Mei­nung von Rosen steht der 1928 voll­en­dete Bau in einer Reihe mit ähn­lich bahn­bre­chen­den Ent­wür­fen der dama­li­gen Zeit, die die Gestal­tung sol­cher Funk­ti­ons­bau­ten neu defi­niert hätten.

Aller­dings sei der aktu­elle Zustand Gebäu­des stel­len­weise aus denk­mal­pfle­ge­ri­scher Sicht bereits eine „Ver­hun­zung“. Falsch erneu­erte Kunst­stof­fens­ter, unsen­si­bel ange­brachte Vor­dä­cher und äste­thisch frag­wür­dige Geschäfts­räume neh­men dem Gebäude viel von sei­ner gestal­te­ri­schen Strenge. Von den nach Zer­stö­rung und Wie­der­auf­bau in den Nach­kriegs­jah­ren erfor­der­li­chen Ver­än­de­run­gen gar nicht zu reden. So waren die Wände der Schal­ter­hal­len ursprüng­lich unver­putzte Mau­ern aus Zie­gel und Beton, was wegen der Bom­ben­schä­den dann nicht mehr auf­recht­er­hal­ten wer­den konnte. Heute ist alles ver­putzt und far­big ange­stri­chen. Trotz die­ser Män­gel gibt es aber noch viele, ori­gi­nal erhal­tene Details. Rosen hält das Ensem­ble daher für ein wich­ti­ges, in sei­ner Gesamt­heit erhal­tens­wer­tes Bau­denk­mal. Und das sei trotz aller Beteue­run­gen der Deut­schen Bahn oder auch des Ober­bür­ger­meis­ters durch die geplan­ten Umbau­ten stark gefähr­det. Dem Bahn­hof drohe ein ähn­li­ches Schick­sal wie der Rest­ruine des Alten Lust­hau­ses, die im Mitt­le­ren Schloss­gar­ten ihrem Ende entgegenwittere.

Nach den aktu­el­len Pla­nun­gen für Stutt­gart 21 sol­len sowohl der Süd­flü­gel, der jetzt ent­lang der Straße „Am Schloss­gar­ten“ gegen­über dem Bus­bahn­hof steht, als auch der Nord­flü­gel gegen­über dem LBBW-Forum abge­ris­sen wer­den. Statt­des­sen wird dort dann das Dach des Tief­bahn­hofs zu sehen sein, das auch die aktu­elle Gleis­halle daziw­chen ein­nimmt. Der Platz wird bestimmt von vie­len etwa fünf Meter hohen Kegeln, die Licht in den Unter­grund brin­gen sol­len. „Ich nenne die­sen Höcker mit War­zen den Bull­au­gen­kor­ri­dor. Der wird zum Ter­rain der Sprayer und Ska­ter,“ sagte Rosen, der sich selbst als strik­ten Geg­ner von Stutt­gart 21 bezeich­nete. Aller­dings betonte er auch sei­nen rea­lis­ti­schen Ansatz beim Umgang mit dem Groß­pro­jekt — „Das Ding läuft halt.“ — und sucht nach Kom­pro­mis­sen. Dafür sieht er noch Spiel­raum. Denn schon frü­her hät­ten Pro­teste auf­merk­sa­mer Bür­ger fatale Abriss­pläne ver­hin­dert. Sowohl das Neue Schloss als auch die Markt­halle hät­ten sei­ner­zeit geret­tet wer­den kön­nen. Wohin­ge­gen das Kauf­haus Scho­cken und das Kron­prin­zen­pa­lais ohne Wider­stand abge­ris­sen wur­den, ein Umstand den heute jeder bedauere. Das soll sich beim Bonatz-Bau nicht wiederholen.

Denn die aktu­el­len Pläne, die nicht nur die Flü­gel betref­fen son­dern auch im Inne­ren große Ver­än­de­run­gen brin­gen, da der ganze Bahn­hof eine Ebene tie­fer gelegt wird, mach­ten aus dem Denk­mal­bahn­hof einen „sinn­ent­leer­ten Rest­bau“. Es werde eine große Chance ver­spielt, den Bahn­hof noch bes­ser in den Stadt­or­ga­nis­mus zu inte­grie­ren. „Warum Abriss und nicht eine Sym­biose?“, fragt sich Rosen und möchte auch den Schloss­gar­ten noch bes­ser anbin­den. Dass die Flü­gel trotz eini­ger Pro­bleme in die Pla­nung ein­be­zo­gen wer­den könn­ten, sei nach sei­nem Kennt­nis­stand ohne wei­te­res mög­lich. Ent­spre­chende Vor­schläge seien aber von der Jury nicht berück­sich­tigt wor­den. Einige die­ser Ent­würfe hat­ten eine raum­grei­fende Glas­über­da­chung vor­ge­se­hen. Statt­des­sen werde jetzt eine „Tropf­stein­höhle“ gebaut, wie der Tief­bahn­hof mit den mar­kan­ten Licht­lu­ken sar­kas­tisch aus dem Publi­kum bei der anschlie­ßen­den Dis­kus­sion genannt wurde. Die anwe­sen­den Archi­tek­ten und Stadt­pla­nern befürch­te­ten denn auch einen erheb­li­chen Image­scha­den für die Stadt: „Wir wer­den uns zum Gespött machen!“

[Der Arti­kel ist am 20. Januar 2008 in der STUTTGARTER ZEITUNG erschienen]

Dem Denkmal werden die Flügel gestutzt

Bummelboulevard mit Schlamm, Schotter und Mini-Hochofen

Der Umbau der Stadt­bahn­li­nie 15 war eine logis­ti­sche Her­aus­for­de­rung — auch für die Anwoh­ner der Wanderbaustelle.

Nach zwei Jah­ren Bau­zeit weiß man als Anwoh­ner fast alles über den moder­nen Gleis­bau urba­ner Ver­kehrs­sys­teme. Zwi­schen Olga­eck und Eugens­platz gab es neben Beläs­ti­gun­gen und Pan­nen aller­dings auch einen kur­zen Som­mer der Anarchie.

Kra­peng! Das rast­lose Häm­mern des Hydrau­lik­mei­ßels, der am frü­hen Mor­gen mit bra­chia­ler Gewalt den Asphalt in Bro­cken ver­wan­delt, endet mit einem lau­ten Knall. Chance auf ein ruhi­ges Früh­stück? Aber warum ist das Licht aus­ge­gan­gen? Die Espres­so­ma­schine ist auch aus­ge­fal­len, zischend und trau­rig tröp­felnd. Der Blick aus dem Fens­ter belegt: tota­ler Strom­aus­fall auf der gesam­ten Alex­an­der­straße. Die Mit­ar­bei­ter aus den gegen­über lie­gen­den Büros ste­hen auf den Rau­cher­bal­ko­nen und amü­sie­ren sich über die unfrei­wil­lige Pause. Man infor­miert sich mit Zuruf. Unten ste­hen die Bau­ar­bei­ter auf dem per­fo­rier­ten Asphalt zwi­schen den Stadt­bahn­glei­sen und berat­schla­gen die Lage. Spä­ter stellt sich her­aus: Das Haupt­ka­bel für den gan­zen Häu­ser­block wurde durch­trennt. Alles halb so schlimm, eine Stunde spä­ter ist das Lebens­eli­xir moder­ner Arbeits­wel­ten zurück. Die Com­pu­ter lau­fen wieder.

Der Vor­fall ist sym­pto­ma­tisch für die Bau­ar­bei­ten im Ver­lauf des Umbaus der Stadt­bahn­li­nie 15, bei der in zwölf Mona­ten direkt vor der Haus­tür die alten, im Stra­ßen­be­lag ver­senk­ten Schie­nen her­aus­ge­ris­sen und durch neue ersetzt wur­den. Pan­nen gab es immer wie­der, aber im Prin­zip lief alles glimpf­lich ab. Außer­dem stär­ken wid­rige Umstände in den meis­ten Fäl­len das Gefühl der Nach­bar­schaft oder bes­ser: man merkt, das man eine hat.

Wun­der­ba­rer­weise war die vor der Tür auf und ab wan­dernde Bau­stelle sogar ein Hort der Ruhe. Nor­ma­ler­weise brau­sen meh­rere tau­send Auto­mo­bile unterm Fens­ter vor­bei, aber wegen immer wie­der ver­ord­ne­ter Total­sper­run­gen zwi­schen Olga­eck und Eugens­platz ist zeit­weise Schluss damit. Fried­lich wie nie liegt dann die Stra­ßen­schlucht, wird zum anar­chi­schen Bum­mel­bou­le­vard zwi­schen Schlamm, Schot­ter und Schie­nen. Manch­mal braucht es zwar einen muti­gen Sprung über ein klaf­fen­des Bau­loch, um auf die andere Stra­ßen­seite zu gelan­gen, aber das gefähr­li­che Blech ist außer Reich­weite. Nach­teil: die Ein­käufe per PKW vor der Haus­tür abzu­la­den, wird zum logis­ti­schen Abenteuer.

Unwirk­li­che Stille in der City also, wäre da nicht das Tääh-rääh im Fünf-Minuten-Takt. Das kommt aus dem Signal­horn des Siche­rungs­pos­tens, dem Ältes­ten im grell­or­an­gen Trupp der Schie­nen­ar­bei­ter. Zwei lange Töne in ver­schie­de­nen Lagen war­nen vor dem Her­an­na­hen der Stadt­bahn auf dem ver­blie­be­nen Nach­bargleis, auf dem der Fahr­be­trieb die gesamte Zeit auf­recht­er­hal­ten wird. Das Rot­ten­warn­si­gnal 2 wird Teil des All­tags und der gut­mü­tige Mann mit dem Voll­bart zum gedul­di­gen Ansprech­part­ner in allen Lebens­la­gen. Er weiß Bescheid über die aktu­elle Lage und zukünf­tige Ter­mine. Von ihm kann man zum Bei­spiel erfah­ren, dass die Gleise wie­der im Asphalt ver­senkt wer­den. Kein Schot­ter­bett also vor der Tür, son­dern jetzt sechs statt vor­her vier Rin­nen in der Straße. Denn die alte Spur­breite gibt es ja wei­ter, die Strambe stirbt nicht, son­dern geht nur aufs Altenteil.

Optisch der Ren­ner ist der wan­dernde Hoch­ofen. Den bedie­nen zwei Mann und fügen damit die frisch ver­leg­ten, zehn Meter lan­gen Schie­nen­paare zusam­men, die vor­her tage­lang in gro­ßen Sta­peln den Bür­ger­steig blo­ckier­ten. Zischend und bruz­zelnd ergießt sich das flüs­sige Eisen beim Abstich in die fünf Zen­ti­me­ter brei­ten Fugen. Fas­zi­nie­rend, dass bei moder­nen Ver­kehrs­trä­gern Tech­ni­ken der Eisen­zeit ver­wen­det wer­den. Das Stau­nen endet bei die­sem Arbeits­gang spä­tes­tens, wenn der Mann mit der Flex kommt, um über­schüs­si­ges Eisen zu ent­fer­nen. Gar nicht zu reden von der Schie­nen­schleif­ma­schine, dem Hass­ob­jekt an sich mit infer­na­li­schem Getöse. Hin­ter­lässt aber blan­kes, silb­rig fun­keln­des Metall. Erin­nert irgend­wie an frisch gepräg­tes Geld.

Inzwi­schen ist der All­tag wie­der ein­ge­kehrt, die Autos sind längst zurück. Die Span­nung in der Nach­bar­schaft steigt. Immer wie­der gern dis­ku­tier­tes Thema und Quelle diver­ser Mut­ma­ßun­gen: Wird die „Neue“ lei­ser sein oder lau­ter? Wie lange wird es dau­ern, sich an das andere Geräusch zu gewöh­nen? Wer­den wir die alte Bahn ver­mis­sen? Etwas Weh­mut ist dabei, aber im Grunde sind alle froh, Anschluss an das 21.Jahrhundert zu haben.

[Der Arti­kel ist am 8. Dezem­ber 2007 in der STUTTGARTER ZEITUNG erschienen]

Hier noch zwei pri­vate Fotos



Bummelboulevard mit Schlamm, Schotter und Mini-Hochofen