Mit Theodor Heuss in die Architekturmoderne

Libe­ra­ler Publi­zist, ers­ter Bun­des­prä­si­dent — so kennt man Theo­dor Heuss bis­her. Jetzt stellt eine Füh­rung rund um den Kil­les­berg einen etwas weni­ger bekann­ten Aspekt vor, den des Orga­ni­sa­tors und Pro­pa­gan­dis­ten der Architekturmoderne.

 Von Dirk Baranek

 Sti­li­kone Theo­dor Heuss? Nunja, wenn man das Haus auf dem Kil­les­berg betritt, das sich der erste deut­sche Bun­des­prä­si­dent Ende der Fünf­zi­ger Jahre als Alters­ru­he­sitz bauen und ein­rich­ten ließ, ergibt sich zunächst der Ein­druck leicht mie­fi­ger Bür­ger­lich­keit. Wären da nicht die Reihe groß­ar­ti­ger Gemälde von Impres­sio­nis­mus bis Kubis­mus und der Lese­ses­sel in der Ecke des Arbeits­zim­mers: Eine Aus­gabe des inzwi­schen legen­dä­ren Lounge-Chairs, den die Gebrü­der Eames 1956 vorstellten.

 Man ver­steht: Heuss inter­es­sierte sich Zeit sei­nes Lebens für die zeit­ge­nös­si­sche Ent­wick­lung sowie avant­gar­dis­ti­schen Ten­den­zen in Archi­tek­tur und Kunst. Die­sen Aspekt des libe­ra­len Poli­ti­kers will eine neue Füh­rung ver­deut­li­chen, die die Stif­tung Theodor-Heuss-Haus und das Wei­ßen­hof­mu­seum gemein­sam anbie­ten. Für beide Insti­tu­tio­nen tätig ist die Kunst­wis­sen­schaft­le­rin Bri­gitte Knorr, die die Füh­rung daher äußerst kun­dig bestrei­tet. Es beginnt im Unter­ge­schoss der beschei­de­nen Heuss-Villa, in dem eine Dau­er­aus­stel­lung über sein Leben mit Info-Tafeln und Doku­men­ten infor­miert. Knorr stellt klar, dass Heuss per­sön­lich nur am Rand an der Ent­ste­hung der Weis­sen­hof­sied­lung betei­ligt, aller­dings Teil eines Bezie­hungs­ge­flechts von Per­so­nen war, die die Rea­li­sie­rung die­ses muti­gen Expe­ri­ments der Archi­tek­tur­mo­derne 1927 ermöglichten.

 Denn eigent­lich war das weiße Gebäu­de­en­sem­ble am Kil­les­berg Teil einer Aus­stel­lung zur „indus­tri­el­len Form­ge­bung“ des Deut­schen Werk­bun­des. Diese 1907 in Mün­chen gegrün­dete „Ver­ei­ni­gung von Künst­lern, Archi­tek­ten, Unter­neh­mern und Sach­ver­stän­di­gen“ hatte sich das Ziel gesetzt, auf der Basis der „Neuen Sach­lich­keit“ die Gestal­tung des von Men­schen geschaf­fe­nen Lebens­um­feld zu ver­bes­sern — „vom Sofa­kis­sen bis zum Städ­te­bau,“ wie Bri­gitte Knorr sagt. Soviel wird klar: Heuss war mit­ten­drin. Schon zu Stu­den­ten­zei­ten hatte er in Mün­chen einige der spä­te­ren Prot­ago­nis­ten des Werk­bun­des ken­nen­ge­lernt. Von 1919 bis 1923 konnte er dann als des­sen Geschäfts­füh­rer und bis 1933 im Vor­stand für seine vom libe­ra­len Eltern­haus gepräg­ten Vor­stel­lun­gen eines sozia­len Bau­ens wer­ben. Ein Geschäft, dass er beherrschte, war Heuss doch Zeit sei­nes Lebens vor allem Jour­na­list und Publi­zist. In der Aus­stel­lung befin­det sich auch eine Son­der­bei­lage des Stutt­gar­ter Neuen Tag­blatts, erschie­nen 1927 zwei Tage vor der Eröff­nung der Weis­sen­hof­sied­lung. „Die Zeit und ihre Form“ ist die Über­schrift des Auf­ma­cher­ar­ti­kels, Autor Theo­dor Heuss.

 Nach dem aus­führ­li­chen Ein­blick in das künstlerisch-intellektuelle Leben geht die Füh­rung den Hügel hin­un­ter in Rich­tung der Alten Messe mit einem Zwi­schen­stopp an der Kochen­hof­sied­lung, dem „tra­di­tio­na­lis­ti­schen Gegen­pol“ des Weis­sen­hofs, wie Bri­gitte Knorr meint. 1933 wurde das Ensem­ble mit kräf­ti­gem Ein­fluss der NS-Diktatur mit Sat­tel­dä­chern und unter Ver­wen­dung von „deut­schem Holz“ gebaut. Ähn­lich erging es auch der Brenz­kir­che, die noch 1933 modern gebaut, dann als „Schand fürs Schwa­ben­land“ dif­fa­miert und zuletzt 1938 zu einem mas­si­ven Objekt umge­mo­delt wurde. Das ist den Häu­sern von Gro­pius oder Le Cor­bu­sier, in des­sen Haus die Füh­rung endet, erspart geblie­ben. Nur der Bom­ben­krieg hat Nar­ben geris­sen. Heuss hat sich die düs­te­ren Jah­ren mehr schlecht als Recht mit sei­ner Schreib­ar­beit durch­ge­schla­gen, Thema einer ande­ren Führung.

Nächste Füh­rung am 9. März 2008, ab 14 Uhr. Kos­ten 12 Euro. Reser­vie­rung erfor­der­lich unter 0711.2535558. Für Grup­pen fle­xi­bel buchbar.

 [Der Arti­kel ist am 11. Februar 2008 in der STUTTGARTER ZEITUNG erschienen]

Mit Theodor Heuss in die Architekturmoderne

Von der Notbedachung bis zur Eierkartonfassade

Das Vier­tel rund um den Hans-im-Glück-Brunnen war das Thema des zwei­ten Stadtspaziergangs

Der zweite Stadt­spa­zier­gang, den die Stif­tung Geiß­straße und die Stutt­gar­ter Zei­tung gemein­sam anbie­ten, führte am Sams­tag durch das Vier­tel rund um den Hans-im-Glück-Brunnen. Der lang­jäh­rige städ­ti­sche Denk­mal­pfle­ger Hel­mut Feeß erläu­terte bei dem Rund­gang die Geschichte des Viertels.

Die meis­ten der vie­len Ver­gnü­gungs­süch­ti­gen, die durch die mit gas­tro­no­mi­schen Ange­bo­ten jeg­li­cher Art locken­den Stra­ßen rund um den Hans-im-Glück-Brunnen strei­fen, ahnen wahr­schein­lich nicht, dass sie sich in der ers­ten Flä­chen­sa­nie­rung der Stadt befin­den. Hier ist kein Stein, keine Fens­ter­lade, kein Erker älter als hun­dert Jahre, auch wenn es manch­mal anders aus­sieht, denn zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts ist der Block zwi­schen Eberhardt-, Nad­ler– und Stein­straße kom­plett neu bebaut wor­den. Die Geschichte die­ses recht beschau­li­chen, ver­kehrs­be­frei­ten Gebäu­de­en­sem­bles erzählte am Sams­tag Hel­mut Feeß den etwa 20 Teil­neh­mern am zwei­ten Stadt­spa­zier­gang, den die Stif­tung Geiß­straße zusam­men mit der Stutt­gar­ter Zei­tung organisierte.

Die Füh­rung beginnt mit einer aus zwei Grün­den atem­be­rau­ben­den Sta­tion, der Bestei­gung des der Öffent­lich­keit nor­ma­ler­weise nicht zugäng­li­chen Turms des Graf-Eberhard-Baus. Feeß kennt sich hier mehr als gut aus, denn als städ­ti­scher Denk­mal­pfle­ger hat er in dem mäch­ti­gen Haus bis 2005 sei­nen Dienst­sitz gehabt. Das erste Mal stockt der Atem, weil die Gruppe zu Fuß das Turm­zim­mer erklim­men muss, am Wochen­ende fährt der Fahr­stuhl nicht. Die über 200 Stu­fen las­sen so man­chen Teil­neh­mer aus der Puste kom­men. Das zweite Mal stockt der Atem, weil oben ange­kom­men die Aus­sicht auf die ver­win­kel­ten Dächer des Vier­tels recht spek­ta­ku­lär ist. Wer aber geglaubt hat, hier direkt bis ins Mit­tel­al­ter zu schauen, der irrt gewaltig.

Feeß erzählt die Geschichte von Edu­ard von Pfeif­fer einem hoch ange­se­hen wie wohl­ha­ben­dem Bür­ger die­ser Stadt. Pfeif­fer hatte soziale Nei­gun­gen und wid­mete sich mit Bau­pro­jek­ten sei­nes Ver­eins zum Wohl der arbei­ten­den Klas­sen den wid­ri­gen Lebens– und Wohl­ver­hält­nisse der ein­fa­chen Leute in der engen Stadt. Meh­rere Sied­lungs­pro­jekte hat er um die Jah­rund­ert­wende initiert und kaufte unter ande­rem die Grund­stü­cke im Geiß­vier­tel. 1901 wurde die vor­han­dene nied­rige Bebau­ung kom­plett abge­ris­sen und neu bebaut — hel­ler, luf­ti­ger und roman­tisch. 1909 war alles fer­tig und nur der Stra­ßen­ver­lauf erin­nerte noch an das alte Vier­tel. „Alles rück­wärts­ge­wandte Archi­tek­tur. Es sollte hei­me­lig wer­den,“ sagt Hel­mut Feeß und meint den Stil­mix aus Renais­sance, Bau­kunst süd­deut­scher Han­dels­häu­ser und Neo­klas­si­zis­mus. Das Vier­tel kam aller­dings an, die Mischung aus Geschäf­ten und Woh­nun­gen funktionierte.

Zurück auf dem Boden der Geiß­straße geht die Füh­rung um die Ecke vor den Graf-Eberhard-Bau. Der war bis 1977 voll mit Büchern, denn der Bar­sor­ti­men­ter Koch, Neff und Oet­tin­ger hatte hier sei­nen Stamm­sitz. Jetzt wird hin­ter den mas­si­ven Mau­ern die Stadt der Zukunft ent­wor­fen, denn seit über 20 Jah­ren gehört der Bau der Stadt und beher­bergt das Stadtplanungsamt.

Wei­ter geht es die Eber­hard­straße hoch bis zur Ecke Stein­straße. Feeß erzählt nun die Geschichte des Tag­blat­turms und die des Kauf­hau­ses Scho­cken gegen­über. Letz­te­res gibt es seit 1960 nicht mehr, dort steht jetzt die Stein gewor­dene archi­tek­to­ni­sche Frag­wür­dig­keit mit Namen Gale­ria Kauf­hof, ein Umstand, der den Denk­mal­pfle­ger immer noch auf die Palme bringt. „Wir ste­hen hier vor einer der größ­ten Bau­sün­den der Stadt,“ sagt er. Das Scho­cken war ein Expe­ri­ment des neuen Bau­ens, mate­ria­li­sierte den Bau­haus­traum aus Glas, Metall und kla­ren Linien. Abge­ris­sen wurde er, unter Pro­test der gesam­ten Archi­tek­ten­schaft der Stadt, weil die Straße davor drei Meter zu schmal war, um als Quer­spange inner­halb des City­rings zu funk­tio­nie­ren. Die Fol­gen die­ser Fehl­ent­schei­dung wer­den vor allem in der Stein­straße offen­sicht­lich, bei dem der Blick hoch auf die Eier­kar­ton­fas­sade geht, die der Kauf­haus­kon­zern bun­des­weit in die Städte geklotzt hat. „Das wird nie­mals in den Denk­mal­schutz kom­men,“ sagt Feeß spä­ter fast ver­ächt­lich. Der Anblick läuft jedem halb­wegs geschul­tem ästhe­ti­schem Emp­fin­den zuwider.

Zuletzt biegt die Gruppe in die Nad­ler­straße ein. Hier Feeß weist auf die städ­te­bau­li­chen Nar­ben hin, die die Bom­ben­an­griffe vor über 60 Jah­ren bis heute hin­ter­las­sen haben. „Dort an der Ecke sieht man noch die Not­be­da­chung, die nach dem Krieg drauf­ge­setzt wurde,“ sagt er. Auch sonst gibt es inzwi­schen an eini­gen Gebäu­den erheb­li­chen Sanie­rungs­be­darf, aber weil die Stadt kei­nen Euro für die finan­zi­elle Unter­stüt­zung mehr bereit­stelle, werde sich hier auch wei­ter nichts tun, so Feeß. Die Füh­rung endet am ori­gi­nal erhal­te­nen Hans-im-Glück-Brunnen mit dem Gefühl, dass der Schutz der his­to­ri­schen Bau­sub­stanz in Stutt­gart keine Auf­gabe ist, der man von Sei­ten der Stadt­obe­ren beson­dere Prio­ri­tät einräumt.

[Der Arti­kel ist am 24. Sep­tem­ber 2007 in der STUTTGARTER ZEITUNG erschienen]

Von der Notbedachung bis zur Eierkartonfassade

Gegen den Trend der schrumpfenden Stadt

Bei einem Exper­ten­hea­ring im Rat­haus stand die Situa­tion und Zukunft des Stutt­gar­ter Woh­nuns­mark­tes auf der Agenda.

Wie wol­len in Zukunft wie viele Men­schen leben und was bedeu­tet das für die Ent­wick­lung des Woh­nungs­mark­tes? Auf diese Frage ver­such­ten ges­tern Exper­ten Ant­wor­ten zu geben, um dar­aus Eck­punkte für eine zukunfts­ori­en­tierte Stadt­pla­nung zu entwickeln.

Das Stadt­pla­nungs­amt Stutt­gart führte ges­tern Abend im Rah­men des Ent­wick­lungs­pro­gramms „urban­Woh­nen“ ein Exper­ten­hea­ring durch, um die aktu­elle Situa­tion des hie­sige Woh­nungs­mark­tes zu ana­ly­sie­ren. Aber vor allem sollte ein wenig in die Zukunft geschaut wer­den, um mit einer neuen Stra­te­gie wan­deln­den Erfor­der­nis­sen gerecht zu wer­den. Rund 200 Inter­es­sierte waren dem Auf­ruf des Stadt­pla­nungs­am­tes gefolgt, Ver­tre­ter von Bau­ge­sell­schaf­ten, Stadt­pla­ner, Archi­tek­ten, Haus­ver­wal­ter und Woh­nungs­wirt­schaft­ler, um sich von den vor­tra­gen­den Wis­sen­schaft­lern über die der­zei­tige Situa­tion infor­mie­ren zu las­sen und Lösungs­an­sätze zu dis­ku­tie­ren. Han­deln tut Not, denn die gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen wer­den erheb­li­che Aus­wir­kun­gen auf die Stadt­ge­sell­schaft haben.

Bezüg­lich der aktu­el­len Lage waren sich alle Exper­ten einig, dass die Lan­des­haupt­stadt eine hohe Lebens­qua­li­tät bie­tet. Aber das ist nicht genug, um die weit­rei­chen­den Ver­än­de­run­gen der Zukunft zu meis­tern. Diese Ver­än­de­run­gen wer­den durch die Bedürf­nisse und Wün­sche der Bewoh­ner bestimmt und deren Lebens­ver­hält­nisse wer­den bis 2020, so weit geht die per­spek­ti­vi­sche Pla­nung, ziem­lich andere sein als heute. Vor allem der demo­gra­fi­sche Wan­del, also die zuneh­mende Alte­rung der Gesell­schaft, stand bei allen Vor­trä­gen als der die Ent­wick­lung am stärks­ten beein­flus­sende Fak­tor im Vor­der­grund. Immer mehr ältere Men­schen, die sich grüne, ruhige Innen­stadt­quar­tiere wün­schen, weni­ger junge Fami­lien, die im Umland bauen wol­len, so die grobe Rich­tung, die auch von Pro­fes­sor Hans­pe­ter Gon­dring, Lei­ter des Stu­di­en­gangs Immo­bi­li­en­wirt­schaft an der Berufs­aka­de­mie Stutt­gart, skiz­ziert wurde. Er sieht vor allem in der Revi­ta­li­sie­rung der Alt­bau­be­stände eine Chance und hält nicht viel von Neu­bau­ten. Diese wer­den aber trotz gleich­blei­ben­der Bevöl­ke­rungs­zahl not­wen­dig sein, wie Det­lef Kron, Lei­ter des Stadt­pla­nungs­am­tes ausführte.

Aller­dings ist ein gutes Stück Hoff­nung dabei, denn die städ­ti­schen Pla­ner wol­len es schaf­fen, dass die Bevöl­ke­rungs­zahl bis 2020 nicht um etwa 15.000 Ein­woh­ner schrumpft, wie einige Pro­gno­sen vor­her­sa­gen. Da die Men­schen aber in Zukunft anders leben wol­len als heute, vor allem grö­ßer, schö­ner, ruhi­ger und doch zen­tral, muss die Zahl der Woh­nun­gen um 20.000 wach­sen, um für die sta­gnie­rende Bevöl­ke­rungs­zahl ein attrak­ti­ves Ange­bot vor­zu­hal­ten. Das ent­spricht auch der Erwar­tung hie­si­ger Exper­ten, wie sich aus einer Umfrage ergibt, deren erst Ergeb­nisse ges­tern vorab prä­sen­tiert wur­den. Der Anstieg von Mie­ten und Prei­sen, ein erhöh­ter Bedarf beim Wohn­flä­chen­kon­sum, ein star­kes Wachs­tum in gewis­sen Markt­ni­schen, zum Bei­spiel beim bar­rie­re­freien Woh­nen für Senio­ren, und erhöhte eine Nach­frage nach Innen­stadt­la­gen wer­den von den hie­si­gen Immo­bi­li­en­fach­leu­ten als die Trends der Zukunft bezeichnet.

Das Häus­chen im Grü­nen hat dabei für bestimmte soziale Milieus deut­lich an Attrak­ti­vi­tät ver­lo­ren, so die Ein­schät­zung von Rotraut Weeber vom Insti­tut für Stadt­pla­nung und Sozi­al­pla­nung (Stuttgart-Berlin). „Die Minia­tur­aus­gabe der groß­bür­ger­li­chen Villa ist für die selbst­be­wuss­ter wer­dende Mitte der Gesell­schaft kein erstre­bens­wer­tes Ziel mehr,“ sagt Weeber. Sie pro­gnos­ti­ziert eine sich stär­ker dif­fe­ren­zie­rende Gesell­schaft, für die der Neu­bau im Ein­heits­look ein­fach nicht attrak­tiv genug ist. Eine Mög­lich­keit, den wei­ter vor­han­de­nen Wunsch nach Eigen­tum, und zwar mög­lichst indi­vi­du­el­lem, nach­zu­kom­men, könnte eine breit ange­legte Ent­wick­lungs­stra­te­gie für die vor­han­de­nen Stadt­quar­tiere sein. Irene Weeber for­dert ein ver­bes­ser­tes Qua­li­täts­ma­nage­ment, um sozial pro­ble­ma­ti­sche Quar­tiere mit höher­wer­ti­gen Woh­nun­gen und Infra­struk­tu­ren zu versorgen.

Denn nach wie vor ist für die Pla­ner die soziale Ent­mi­schung, die im Moment statt­fin­det, ein Hor­ror­sze­na­rio, aus dem viele Pro­bleme erwach­sen. Cle­ver gestal­tete Low-Budget-Wohnungen neben indi­vi­du­el­len Stadt­häu­sern, die sich sol­vente Bau­ge­mein­schaf­ten errich­ten, das ist in etwa die Vor­stel­lung, mit der die Stadt­pla­ner zukünf­ti­gen Ent­wick­lun­gen Raum schaf­fen wol­len. Ob aller­dings die Zukunft so ein­trifft, wie von den Exper­ten vor­her­ge­sagt, bleibt natur­ge­mäß unklar. „Die Alten von mor­gen wer­den andere sein, als die Alten von heute,“ sagt Irene Weeber. Wel­che Art von Woh­nun­gen die Gene­ra­tion 50plus bevor­zu­gen wird, die 2020 etwa die Hälfte der Ein­woh­ner aus­macht, weiß im Moment nie­mand im Saal.

[Der Arti­kel ist am 18. Sep­tem­ber 2007 in der STUTTGARTER ZEITUNG erschienen]

Gegen den Trend der schrumpfenden Stadt

Das Wahrzeichen ist erstaunlich filigran

Im Rah­men einer Leser­ak­tion lädt die STUTTGARTER ZEITUNG in die­sem Jahr zu über 36 Füh­run­gen durch. Die­ses Mal geht es in den Fern­seh­turm Stuttgart.

Er war jahr­zehn­te­lang das Wahr­zei­chen der Stadt, denn immer wenn ein Gra­fi­ker die Auf­gabe hatte, ein Bild­sym­bol für Stutt­gart zu ent­wer­fen, das Moder­ni­tät und Fort­schritt aus­strahlt, dann war die Beton­na­del mit dem cha­rak­te­ris­ti­schen Korb gefragt. In der letz­ten Zeit hat er aller­dings Kon­kur­renz vor allem durch die neuen Museen bekom­men, die Krea­ti­ven wol­len halt auch mal was ande­res machen. Kurzum: Der Stutt­gar­ter Fern­seh­turm kommt in die Jahre, aber noch nicht aufs Alten­teil, denn er wird noch gebraucht und unter Denk­mal­schutz steht er sowieso. Obgleich der Name an sich inzwi­schen leicht gelo­gen ist. „Eigent­lich müsste er jetzt Radio­turm hei­ßen, denn es wird kein Fern­seh­si­gnal mehr aus­ge­strahlt,“ sagt Klaus Grabbe ver­schmitzt. Der ist hier Betriebs­lei­ter und führt die 16-köpfige Gruppe durch die Beton­röhre. Nichts ande­res ist der Turm, wie schon bei der ers­ten Sta­tion ein­drucks­voll klar wird. Die führt in das Fun­da­ment und auf die Boden­platte, die die Stahl­be­ton­kon­struk­tion über den Köp­fen trägt.

Diese ist mit Spitze 217 Meter hoch und wiegt 1.500 Ton­nen. Vom Prin­zip her ist sie kon­stru­iert wie ein Steh­auf­männ­chen: unten dick und schwer, oben dünn und leicht. Damit das Prin­zip auf­geht, sind die Beton­wände der Röhre am Fun­da­ment ein Meter dick. Die runde, mit 30 Meter Durch­mes­ser gar nicht so große Platte, auf der das Ganze am Rand und in der Kreis­mitte steht, ist mit Stahl­trä­gern wie eine Rad­felge kon­stru­iert und wiegt eben­falls 1.500 Ton­nen. Dazu noch 4.000 Ton­nen Füll­ma­te­rial run­drum stel­len sicher, dass selbst bei stärks­ten Wind der Turm nicht umfällt, son­dern höchs­tens sanft mit­schwingt „Oben auf der Spitze schlägt es bis zu 1,50 Meter aus, im Turm­café sind es noch 30 Zen­ti­me­ter“, sagt Herr Grabbe und fügt beru­hi­gend hinzu: „Das merkt man aber eigent­lich kaum. Nur das Was­ser im Glas wackelt ein bisschen.“

Dass man den Turm über­haupt bestei­gen kann, ist eine Idee des Schöp­fers Prof. Fritz Leon­hardt. Als man Anfang der 50er Jahr beschloss, mit einem Sen­de­mast aus Stahl für die Ver­sor­gung des Kes­sels mit TV-Signalen zu sor­gen, schlug er vor, doch eine Beton­kon­struk­tion zu bauen, die auch Besu­cher bestei­gen kön­nen, natür­lich gegen Ent­gelt. Das sollte die Kos­ten wie­der rein­brin­gen und so wagte man das Expe­ri­ment, denn die­ser Turm war der erste sei­ner Bau­art. Die Idee war ein vol­ler Erfolg. Die Stutt­gar­ter stan­den ab Februar 1956 Schlange und schon nach fünf Jah­ren hatte der SWR als Bau­herr und Besit­zer die Bau­kos­ten amortisiert.

Nach den Grund­la­gen geht es mit der Besich­ti­gung wei­ter per Fahr­stuhl in eine Höhe von 75 Metern. Dort ist eine Platt­form, auf der sich des­sen Tech­nik bewun­dern lässt. „Lau­schen Sie mal, da hört man nix“, sagt Herr Grabbe. Tat­säch­lich, die zwei Kabi­nen rau­schen laut­los vor­bei und ver­schwin­den in der Höhe der Röhre, in die man hier sehr hoch schauen kann. Ange­sichts einer Geschwin­dig­keit von vier Metern pro Sekunde wirkt das leicht unheim­lich. Herr Grabbe weist noch auf die Kabel­stränge und Ver­sor­gungs­rohre. „Nach dem Turm­brand in Mos­kau 2003 wurde hier alles erneu­ert, damit es mög­lichst lange oben Strom gibt und Kom­mu­ni­ka­tion mög­lich ist.“ Aller­dings sei der Stutt­gar­ter Turm anders kon­stru­iert und des­halb schließt Herr Grabbe eine ähn­li­che Kata­stro­phe aus. In die­ser Höhe geht die den gan­zen Turm durch­zie­hende Nottreppe von einer Wen­del­treppe über in eine Trep­pen­haus­kon­struk­tion. 762 Stu­fen sind es ins­ge­samt und ein Lachen geht durch die Besu­cher­gruppe, als Herr Grabbe auf jeden Fall Mus­kel­ka­ter ver­spricht, egal man hoch oder hin­un­ter steigt. Das will jetzt kei­ner aus­pro­bie­ren, son­dern man steigt lie­ber wie­der in den Fahr­stuhl, der jetzt auf eine Höhe von 150 Meter rast, in die erste Etage des Korbs.

Hier ist viel Tech­nik unter­ge­bracht, zur Ver­sor­gung aber auch für die Sen­de­funk­tio­nen. Neben den SWR-Radiostationen wird der Poli­zei­funk sowie eine Richt­funk­stre­cke nach Karls­ruhe betrie­ben, die dem inter­nen Daten­ver­kehr des Sen­ders dient. Rundum ist alles ver­glast und obwohl der ganze ferne Aus­blick auf die Alb wegen des die­si­gen Wet­ters nicht mög­lich ist, hat man den­noch einen kom­plet­ten Blick auf die Fil­dern und die City im Nesen­bach­tal. 585 Meter über dem Schloss­platz befin­det man sich jetzt und die Stadt wirkt ein biss­chen wie ein Spielzeugland.

Einen Stock höher erwar­tet die Gruppe das allen Blend­werks ent­klei­dete ehe­ma­lige Gour­met­re­stau­rant, heute genutzt von den Thea­ter Rampe und Altes Schau­spiel­haus. Man sieht die Wand­kon­struk­tion, die den Korb zusam­men­hält, und staunt leicht beklom­men, dass dazu diese paar 20 Zen­ti­me­ter dicken Beton­pfei­ler genü­gen. „Es sollte so fili­gran wie mög­lich wer­den, damit das Kon­struk­ti­ons­prin­zip auf­geht,“ sagt Herr Grabbe und strahlt eine Sicher­heit aus, die alle Zwei­fel und Höhen­schwin­del ver­ja­gen. Des­halb zieht es auch noch mal alle zur Besu­cher­platt­form, wo der Blick nach oben geht auf die 65 Meter hohe, mit diver­sen Anten­nen bestückte Stahl­kon­struk­tion der Spitze. Große Schein­wer­fer blin­ken in weiß und rot, aber diese Hin­der­nis­feuer sind im Grunde nur noch Zie­rat, dem Denk­mal­schutz geschul­det. Flug­zeuge brau­chen so etwas heut­zu­tage nicht mehr. An die­ser Stelle ver­ab­schie­det sich Herr Grabbe von der sicht­lich beein­druck­ten Gruppe. Haben wir was ver­ges­sen: Ach ja, der Stutt­gar­ter Fern­seh­turm ist zwar welt­weit der älteste sei­ner Art, aber inzwi­schen auch der kleinste. Ein Grund mehr, ihn rich­tig lieb­zu­ha­ben. Als Wahr­zei­chen hat er noch lange nicht ausgedient.

Fili­grane Konstruktion

Fabian Enge­ser (27) begeis­tert sich vor allem für das Kon­struk­ti­ons­prin­zip. „Ich hatte gar nicht gedacht, dass der Turm so fili­gran gebaut ist,“ sagt der Stu­dent der Ange­wand­ten Phy­sik an der Uni Tübin­gen. „Alles über­haupt nicht bom­bas­tisch, son­dern sehr tri­cky.“ Aus sei­nem Mund hat diese Ein­schät­zung eine beson­dere Bedeu­tung, ist er doch quasi Spe­zia­list für fein­glied­rige Sys­teme. Enge­ser steckt mit­ten in sei­nen Abschluss­prü­fun­gen zum Diplom, das er mit einer Arbeit über Teil­chen­op­tik erlan­gen will. Grob gesagt ist das eine Tech­nik, mit deren Hilfe man fast bis in die ato­mare Struk­tur hin­ein­schauen kann. Der Fern­seh­turm ist für den aus Hechin­gen stam­men­den Stu­den­ten, der seit letz­tem Jahr in Deger­loch wohnt, schon fast ein Stück Hei­mat. „Ich sehe ihn vom Fens­ter mei­ner Woh­nung und wenn ich von Tübin­gen zurück­komme, sehe ich ihn schon von Wei­tem und weiß: ‚Gleich bist du zuhause.‘“

Der Arti­kel ist am 1. Sep­tem­ber 2007 in der STUTTGARTER ZEITUNG erschienen]

Das Wahrzeichen ist erstaunlich filigran