Dem öffentlich-rechtlichen Informationsauftrag in ECHTZEIT nachkommen!

Oh, trou­ble in para­dise! Ges­tern hat Richard Gut­jahr, bekann­ter Twit­te­rer, Freier Jour­na­list und unter ande­rem Mit­ar­bei­ter des Baye­ri­schen Rund­funks, auf dem Medi­en­fo­rum NRW die anwe­sen­den Ver­ant­wort­li­chen öffentlich-rechtlicher Medien scharf ange­grif­fen (Doku­men­ta­tion hier).

Ich will hier gar nicht auf die gegen­sei­tige Beschimp­fung als „Des­po­ten“ einer­seits und „faschis­toid“ ande­rer­seits ein­ge­hen, geschenkt, Hitze des Gefechts, inzwi­schen schon zurück­ge­nom­men. Wich­ti­ger ist eigent­lich die Frage: Wo ist der Feh­ler? Was sollte eigent­lich pas­sie­ren? Zu die­sem Thema hat Gut­jahr lei­der nicht so viel zu sagen gewusst, obgleich er eine gewisse Idee schon hatte. Zitat:

Wir [die öffentlich-rechlichen Sen­de­an­stal­ten, D.B.] soll­ten eigent­lich an der Spitze der Bewe­gung ste­hen und uns damit ver­traut machen, anstatt immer und immer wie­der ein­fach nur vor den Gefah­ren zu war­nen. Das bringt uns nicht weiter.

Dem kann ich unbe­dingt zustim­men. Die Öffentlich-rechtlichen Sen­der pro­fi­lie­ren sich im Moment damit, wie man letzte Woche wie­der mit einer Sen­dung im ZDF beob­ach­ten konnte, die rasante Ent­wick­lung der neuen Medien zu ver­teu­feln, als unsi­chere Quel­len hin­zu­stel­len, als gefähr­li­che Ein­griffe in die Infor­ma­ti­ons­ho­heit des Qua­li­täts­jour­na­lis­mus. Es wird gewarnt, was das Zeug hält.

Was sollte aber eigent­lich pas­sie­ren? Die Anstal­ten müs­sen sich die­ser neuen Mög­lich­kei­ten bedie­nen. Sie müs­sen end­lich von dem hohen Ross run­ter­kom­men und hin­ein in diese neue Medi­en­welt. Natür­lich gibt es bei Twit­ter sehr viel Schrott, wer hätte das je bezwei­felt. Aber, ver­dammt, es ist wie es ist, es gibt ja auch nichts ande­res. Ich ver­su­che es ein­mal an einem Bei­spiel zu erläu­tern, das sich quasi vor mei­ner Haus­tür befin­det: Stutt­gart 21.

Ges­tern Abend hat es wie­der ein rela­tiv große Demons­tra­tion der Geg­ner des Bahn­pro­jek­tes gege­ben. Im Anschluss daran kam es zu einer gewalt­tä­ti­gen Beset­zung der Bau­stelle. Wie habe ich von der fast minu­ten­ge­nauen Ent­wick­lung der Gescheh­nisse erfah­ren? Zwei Klicks auf die Twit­ter­hash­tags #s21 und #gwm (tages­ak­tu­elle Aus­ein­an­der­set­zung um das „Grund­was­ser­ma­nage­ment“) und schon habe ich alle Tweets über die Ereig­nisse auf dem Schirm. Aber von wem? Natür­lich von den Demons­tran­ten, die mir ihre von Inter­es­sen gelei­tete und von Pro­pa­ganda durch­setzte „Fakten“-Lage prä­sen­tie­ren. Trotz­dem konnte ich mir so eini­ger­ma­ßen ein Bild über die Lage verschaffen.

Jetzt frage ich:

  • Warum ist kein Twit­te­rer des SWR vor Ort, der alle 5 Minu­ten einen Tweet absetzt und mir schil­dert, was dort pas­siert? Und viel­leicht auf Fra­gen antwortet?
  • Warum wird kein AV-Team hin­ge­schickt mit einem Livestream?
  • Warum gibt es keine Radio-Tonschnipsel zeit­nah mit Inter­views der Demons­tran­ten, viel­leicht auch mit den Einsatzkräften?
  • Warum ist kein SWR-Journalist vor Ort, der mal schnell ein paar Fotos hoch­lädt, damit ich mir ein NEUTRALES BIld der Lage machen kann?

Herr­gott: die Sen­der haben unglaub­li­che Poten­ziale an hoch­kom­pe­tente Men­schen und bes­ter Tech­nik — die wer­den doch wohl hin­krie­gen, was jeder Voll­depp mit drei Tipp­sern auf sei­nem Smart­phone machen kann. Aber nein, auf diese Ebene las­sen die sich nicht ein, das ist unter ihrer Würde. Es könn­ten ja „Feh­ler“ pas­sie­ren, mal ein paar Bil­der unscharf und ver­wa­ckelt sein. Oder man muss mal eine Nach­richt zurücknehmen…

Wenn ich mir die Twit­ter­ac­counts des SWR so anschaue, wird mir schlecht. Es gibt kei­nen ein­zi­gen Account, der wirk­lich nach­rich­ten­ori­en­tiert ist. Es han­delt sich durch­weg um Kanäle, auf denen nur eines gemacht wird: Redak­ti­ons­mar­ke­ting, Wer­bung für Sen­dun­gen und deren Inhalte. Der ein­zige „News“-Kanal ist @landesschau, aber schaut euch bitte diese Tweets an. Ich zeige genau die letz­ten drei.

landesschau

Noch Fra­gen?

Ja, auch die Jour­na­lis­ten haben inzwi­schen das „Web 2.0″ ent­deckt — und zwar als Stein­bruch, in dem es „Mate­rial“ gibt. Das ist im Moment die größte Dis­kus­sion in die­sen Krei­sen: sind die Nach­rich­ten aus dem Web glaub­wür­dig, wie kann es veri­fi­ziert wer­den und wie ver­ar­bei­tet? Das ist aber nicht mein Punkt, das ist eh selbst­ver­ständ­lich. Dass man auf Twit­ter schaut, was so pas­siert in der Welt. Hallo? Soweit waren wir schon vor drei Jahren.

Mir geht es darum: wo sind diese Jour­na­lis­ten, die­ser ganze Appa­rat IN die­sen neuen Medi­en­wel­ten? Warum muss ich 18 Stun­den war­ten, um mir in der Lan­des­schau am nächs­ten Abend die Bil­der von der Demo ges­tern anzuschauen?

Ich ver­mute: die kön­nen es ein­fach nicht. Die wol­len es auch nicht. Die sit­zen in ihrem TV-Palast, 500 Meter Luft­li­nie von den Gescheh­nis­sen am Bahn­hof ent­fernt und star­ren auf den DPA-Ticker, ob da was raus­kommt. Klar, das AV-Team und die Radio-Praktikantin, die wer­den da hin­ge­schickt. Aber LIVE von dort berich­ten, dem öffentlich-rechtlichen Infor­ma­ti­ons­auf­trag in ECHTZEIT nach­zu­kom­men, das scheint unter deren Würde zu sein. Da MUSS sich etwas ändern, sonst sehe ich schwarz für diese Anstalten.

SWR: gib uns ein Pro­zent dei­nes Bud­gets und wir machen eine Medienrevolution.

Dem öffentlich-rechtlichen Informationsauftrag in ECHTZEIT nachkommen!

5 Gedanken zu “Dem öffentlich-rechtlichen Informationsauftrag in ECHTZEIT nachkommen!

  1. ad schreibt:

    Je grö­ßer die Masse, desto trä­ger. Lernt man doch schon in der Schule. Bis so eine große Anstalt in die Puschen kommt, kann es halt ein wenig dauern.

  2. Wolfgang schreibt:

    Ich habe ges­tern auch nicht mit Aus­schrei­tun­gen gerech­net. 78 mal war nichts beson­de­res am Mon­tag Abend, so dach­ten bestimmt auch die Stutt­gar­ter Journalisten.

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